In einem Bus voller EM-Fans auf dem Weg zum Münchner Stadion (2024)

Schon von Weitem sind rhythmische Fangesänge und das leise Klirren von Gläsern aus dem Hirschgarten zu hören. Tausende dänische Fans haben sich hier am Dienstag vor dem Spiel gegen Serbien versammelt. Jetzt, kurz nach 17 Uhr, hat sich die rot-weiße Menschenmenge am Steubenplatz zu einer groben Schlange formiert. Auf dem Bürgersteig ist kein Durchkommen mehr, so dicht drängen sich die Fans Richtung Straße.

Dort, hinter einer Absperrung, steht Thomas Brandl. In orangefarbener Warnweste und mit einem Tablet in der Hand winkt er zwei Gelenkbusse an den Straßenrand. Die Dänen begrüßen die Fahrzeuge mit einer La-Ola. Brandl stellt sich mit einem Fuß in die Tür des vorderen Busses und fängt an, die Fans hineinzuwinken. Die Dänen lassen sich nicht zweimal bitten und strömen ins Innere. „Wie viel Platz ist hinten noch?“, ruft Brandl seiner Kollegin zu. Sie nickt ihm zu, da geht noch was.

Thomas Brandl ist mit seinen Kollegen bei den Münchner Spielen der Europameisterschaft für die Shuttlebusse zum Stadion zuständig. Eigentlich koordiniert der 25-Jährige als Mitarbeiter von DB Regio Bus Bayern den Schienenersatzverkehr in Regensburg. Doch als er für die Europameisterschaft angefragt wurde, habe er sofort zugesagt, erzählt er: „So ein Event lässt man sich nicht entgehen.“

Die Shuttlebusse sind Teil des Mobilitätskonzeptes, das die Stadt München für die EM erstellt hat. Sie bringen Fans von der Fanzone im Olympiapark und den Fan-Biergärten zum Stadion und nach dem Spiel vom Stadion zum Scheidplatz und zurück zum Olympiapark. Die Idee dahinter ist erstens, den öffentlichen Nahverkehr der Stadt zu entlasten. Zweitens sollen die Busse zum Sicherheitskonzept beitragen, indem sie die beiden Fan-Lager von unterschiedlichen Sammelpunkten in der Stadt getrennt zum Stadion bringen. So entstehen weniger Gelegenheiten für Auseinandersetzungen. Damit das funktioniert, nimmt die Stadt vor dem Spiel Kontakt mit den Fan-Verbänden der jeweiligen Nationen auf. Mit diesen wird dann ein Treffpunkt, meist ein Biergarten, vor dem Spiel organisiert.

Brandl und seine Kollegen in den orangefarbenen Westen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sorgen dafür, dass an jedem Standort genügend Busse zur Verfügung stehen, die Fans geordnet einsteigen – und dass kein Bus überfüllt ist. Außerdem buchen sie die Fahrten für die Busfahrer ein, sodass jeder weiß, wann welcher Bus mit wie vielen Fahrgästen wo unterwegs ist. „Auf dem Tablet kann man sehen, wo der nächste Bus ist und wie lange er noch braucht“, erklärt Brandl.

Für die Fahrten zum Stadion sind an diesem Abend 53 Busse in der Stadt unterwegs. Dank der Koordinatoren können sie flexibel darauf reagieren, wo gerade am meisten Fahrzeuge gebraucht werden. Damit das funktioniert, sind Disponenten, Fahrer und Fahrzeuge aus fünf bayerischen Busgesellschaften beteiligt.

Das Konzept geht offenbar auf. „Die Busse sind uns noch nie großartig ausgegangen“, bestätigt Brandl. Nach Anweisungen der Europäischen Fußballunion Uefa müssten die Busse jeden Tag ab 17 Uhr bereitstehen, sagt er. Doch als die Dänen an diesem Nachmittag schon eine Viertelstunde früher Richtung Stadion aufbrechen wollten, sei das problemlos möglich gewesen. Die Arbeit mache ihm als Fußballfan „enorm Spaß“, sagt der 25-Jährige. Es bleibe leider nicht viel Zeit, sich mit den Fans zu unterhalten. Aber die Stimmung sei einzigartig.

In einem Bus voller EM-Fans auf dem Weg zum Münchner Stadion (2)

Trotzdem sei der Job stressiger, als er das von der Koordination des Schienenersatzverkehrs gewohnt sei. „Die Menschen kommen hier wirklich Schlag auf Schlag“, sagt er. „Aber der Sicherheitsdienst sorgt zum Glück für einen reibungslosen Ablauf.“ Wie zur Bestätigung klettert kurz darauf ein stark angetrunkener Däne über einen Zaun, fällt auf den Bürgersteig und richtet sich verdattert wieder auf. Schon ist der Sicherheitsdienst bei ihm und der Fan wird wieder in die Schlange geschickt.

Der nächste Bus rollt an. Die Dänen jubeln. Als Brandl in der Tür steht und beginnt, sie hineinzuwinken, lassen auch die Letzten ihr Bier zurück. Glasflaschen sind im Bus verboten. „Noch zwei“, ruft Brandl. Die Dänen gestikulieren, versuchen noch an Bord zu kommen. Zwei steigen ein. Einer setzt Brandl eine Fanmütze auf, die er grinsend zurechtrückt. „Und Schluss“, ruft Brandl. Die Tür schließt sich. Der Bus setzt sich in Bewegung.

Im Gelenkbus stehen 150 dänische Fans dicht gedrängt. Als der erste „Sejr til Danmark“ - Sieg für Dänemark - anstimmt, brüllen alle mit. Die Dänen beginnen zu hüpfen, der Bus schaukelt wie ein Schiff auf stürmischer See. Von draußen beäugen Fußgänger das wippende Gefährt auf seinem Weg durch die Stadt.

Nach einer Dreiviertelstunde biegt der Bus auf den Parkplatz des Stadions ein und die Dänen laufen unter großem Jubel dem Spiel entgegen. Auch der Fahrer steigt aus dem Bus und atmet für einen kurzen Moment durch. Für ihn geht es gleich weiter zu den nächsten Fans, vielleicht auch zurück zu Thomas Brandl.

In einem Bus voller EM-Fans auf dem Weg zum Münchner Stadion (2024)
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